Lisa in Trondheim? So ist es. Es hat mich mal wieder ins Ausland verschlagen. Wer mich kennt, wird davon nicht überrascht sein, aber hier noch ein paar Infos für alle, die zufällig auf diese Seite gestoßen sind:
Ich heiße Lisa Krukewitt, habe die ersten 21 Jahre meines Lebens zum Großteil in Hessen (Kassel, Gelnhausen, Gießen) und Virginia verbracht und mache jetzt nach vier Semestern an der Justus Liebig Universität ein Auslandssemester in Norwegen. Hier studiere ich Soziologie und Politikwissenschaft an der NTNU.
Auf dieser Seite berichte ich über die Erfahrungen während meines Erasmusaufenthaltes.
Viel Spaß beim Lesen. Über Kommentare freue ich mich immer.
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Norwegischkurs an der NTNU
Nach einem spachkurslosen Semester und einer Woche auf der Warteliste habe ich nun endlich die Zusage für den Norwegisch-3-Kurs an der NTNU bekommen. Wie nötig ich den habe, wurde schon bei der Ankunft in Trondheim klar. Oder eigentlich noch vor der Ankunft, als der Pilot das Wetter durchsagte: „Das Wetter in Trondheim ist gut bei minus zwanzig Grad“. Minus zwanzig??? Dann dieselbe Durchsage auf Englisch. Erleichterung. Es sind doch nur minus sieben. Ähnlich ging es dann im Bus weiter, wo mir die Durchsage, dass sich die Weiterfahrt um etwa eine Stunde verzögern würde doch einen ziemlichen Schock versetzte. Doch auch hier kam mit der englischen Version die Entwarnung – nur zehn Minuten. Das ist ja alles nicht so problematisch. Ärgerlich ist es nur, wenn man dann feststellt, dass das neu gekaufte Busticket bis zum ersten Juli gilt – da bin ich schon längst nicht mehr da. Umso erstaunlicher, dass ich in meinen norwegischen Vorlesungen doch so einiges verstehe. Mal hoffen, dass mit dem Sprachkurs ab morgen auch das Alltagsleben etwas einfacher wird.
Weihnachtsferien
Am siebten Januar war in Gelnhausen der seit langer Zeit erste Tag mit frühlingshaften Temperaturen. Am siebten Januar titelte eine große norwegische Tageszeitung: „Jetzt schneien wir ein“. Und am siebten Januar flog ich wieder von Deutschland zurück nach Norwegen. Dabei war es gar nicht so einfach gewesen, überhaupt dort hin zu kommen. Denn auch für den Hinflug hatte ich mir einen guten Zeitpunkt ausgesucht: den Tag, an dem ein Schneesturm über Europa fegte und den Flugverkehr zu einem großen Teil lahmlegte. Das Ergebnis für mich: stundelange Verspätungen, ein gecancelter Flug und eine kostenlose Übernachtung in einem schicken Hotel in Oslo. Die ist aber auch nur ein kleines Trostpflaster, wenn man sich eigentlich gefreut hatte, nach fünf Monaten endlich wieder nach Hause zu kommen. Das winterliche Wetter bereitet den Norwegern anscheinend die wenigsten Probleme. Zwar kann es dann mal vorkommen, dass sich der Pilot entschuldigen muss, dass das Flugzeug von der vereisten Landebahn rutscht (http://www.adressa.no/nyheter/nordtrondelag/article1571017.ece), aber an den ausgefallenen Flügen sind – fragt man die Norweger – die anderen europäischen Flughäfen schuld. Nach insgesamt etwa 36 Stunden Reisezeit bin ich dann heil angekommen. Was tut man nicht alles um Weihnachten zu Hause zu sein. Ein Norwegisches Weihnachtsfest ist mir dadurch entgangen, aber stattdessen hatte ich einen riesigen Koffer voller Souvenirs und traditioneller Köstlichkeiten dabei. Die drei Wochen gingen erstaunlich schnell rum und jetzt bin ich wieder in Moholt. Eingeschneit bin ich hier noch nicht, es liegen ja nur um die 60cm Schnee. Dem neuen Semester steht also zumindest wettermäßig nichts mehr im Wege.
Freizeit
Da ich jetzt schon eine ganze Weile hier bin und sich einiges an Erzählstoff angesammelt hat, werde ich versuchen mich kurz zu fassen. Daher hier nur ein kurzer Überblick über einige der spannendsten Freizeitmöglichkeiten, die Trondheim internationalen Studenten bietet: Eine Bootstour zur Insel Munkholmen, ein Ausflug zu den Lofoten im Norden Norwegens, Cabin Trips zu den Unieigenen Hütten, sowie die International Food Competition und eine der vielen Weihnachtsfeiern.
Fjordtour und Munkholmen (05.09.2010)
Die Bootsfahrt durch den Trondheimfjord und zur Insel Munkholmen wurde zu Beginn des Semesters vom International Club Trondheim angeboten. „International“ heißt in diesem Fall wohl eher Asiatisch-Afrikanisch – Europäer sind dort so gut wie gar nicht vertreten. Komisch, auf einmal eine Minderheit zu sein, aber auf jeden Fall gut, mal nicht nur von Deutschen umringt zu sein (Deutsche und Spanier stellen hier in Trondheim die größte Gruppe, was bei einem Besuch im International Office besonders deutlich wird: ein halbes Regal für Deutschland-Spanien und ein halbes Regal für den Rest der Welt). Die Tour war auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, mehr vom Trondheimfjord zu sehen und Leute aus aller Welt kennenzulernen – wie oft trifft man schon so viele Bhutaner und Nepalesen? Die Insel Munkholmen ist erstaunlich klein und besteht nur aus einer Anlage, die im Lauf der Geschichte Kloster, Festung und Gefängnis war. Von dort hat man einen tollen Blick auf Trondheim. Wenn man mehr Zeit hat, kann man dort auch baden gehen, aber wir hatten noch eine Reservierung für Pizza und haben uns deswegen auf Sightseeing beschränkt.
Lofoten (29.09.-04.10.2010)
Das Erasmus Student Network (ESN) organisiert jedes Jahr tolle Ausflüge für Austauschstudenten. Der Vorteil ist, dass man einen tollen Ausflug mit netten Leuten bekommt und nichts organisieren muss. Der Nachteil ist, dass es nur wenige Plätze gibt und man daher lange Schlange stehen muss. Nachdem ich beim Geiranger-Trip Pech hatte und nach drei Stunden Warten nur einen Platz auf der Warteliste bekommen habe (wenn auch den ersten), habe ich mich dieses Mal um einiges früher angestellt. So stand ich morgens um sieben mit meiner Isomatte und reichlich Lesestoff und Proviant an der Uni. Und das Warten hat sich gelohnt: fünfeinhalb Stunden später konnte ich mich über ein Ticket zu einem von Norwegens beeindruckendsten Plätzen freuen – den Lofoten.
Mein Reiseführer beschreibt die Lofoten als Märchenlandschaft von surrealer Schönheit. Da habe ich nicht viel hinzuzufügen. Nur so viel: Diese Inseln sind so schön, dass sich die zwanzig-stündige Busfahrt wirklich lohnt – selbst wenn man die Hälfte davon auf dem Fußboden vor der Toilette verbringt (von den Norwegischen Straßen kann man sich dann erst bei der Fahrt mit der Fähre erholen…).
Noch bevor wir an unseren Hütten angekommen sind stand schon das erste Highlight des Ausflugs auf dem Programm: ein Besuch im Wikingermuseum in Borg. Es hat etwas von einer Zeitreise, wenn man von einem „echten“ Wikinger in einem „echten“ Wikingerboot abgeholt wird und dann selbst zum anderen Ufer des Sees rudert, um das Haus des Wikingers zu besichtigen. Das Museum ist ein Nachbau eines dort gefundenen Langhauses. Mit einer Länge von 83 Metern ist es eines der längsten dieser Zeit. Die Ausstellung ist recht klein, gibt einem aber einen guten Eindruck vom Leben der Wikinger. In einer Führung erfährt man zum Beispiel, wie die Wikinger ihren getrockneten Fisch zubereiteten: Er musste erst eine Stunde lang mit einem Hammer weichgeklopft und dann noch mehrere Stunden eingeweicht werden. Ob er dann auch geschmeckt hat ist eine andere Frage – besonders lecker sah er jedenfalls nicht aus. Ganz anders das Essen, das uns serviert wurde. Wenn man in den großen Festsaal kommt und den Kessel mit Eintopf auf dem Feuer kochen sieht, fühlt man sich wirklich ein bisschen in die Wikingerzeit zurückversetzt.
Im Anschluss sind wir zu unseren Hütten in Reine gefahren. Sie liegen, wie eigentlich alles auf den Lofoten, idyllisch direkt am Wasser mit Blick auf die Berge. Einen besseren Platz zum Übernachten wird man wohl kaum finden.
Das Wetter war während unsers gesamten Aufenthalts unglaublich gut. Man konnte zum Wandern bloß ein T-Shirt tragen und selbst einige Spanier haben sich einen Sonnenbrand geholt. Sogar für ein kurzes Bad im Meer war es warm genug. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt dass es im letzten Jahr zu dieser Zeit schon geschneit hat. Bei den Wanderungen hatte man einen unglaublichen Ausblick und bei einer Fahrradtour nach Å (einen kürzeren und norwegischeren Namen kann eine Stadt wohl kaum haben) haben wir etwas mehr von der Umgebung gesehen. Und die norwegische Kultur konnten wir näher kennenlernen, als wir alle Fischtran probieren durften/mussten. Der wird hier im Supermarkt sogar mit seinem schlechten Geschmack beworben und riecht so furchtbar, dass man sich nicht wundert, wenn sich ein Leidensgenosse vor dem Trinken bekreuzigt. Letztendlich war es aber nicht so schlimm – es schmeckt ölig und ein bisschen nach Fisch, aber längst nicht so schlecht, wie ich es mir vorgestellt hätte.
Alles in allem hatte die Reise nur einen Nachteil: sie war zu kurz. Aber die Lofoten haben mich sicher nicht zum letzten Mal gesehen.
Cabin Trips (10.-12.09. und 22.-24.10.2010)
Eine Untergruppe des Unieigenen Sportvereins NTNUI hat in Trondheims Umgebung mehrere Hütten, die Studenten sehr günstig mieten können. Bisher war ich zweimal auf einer dieser Hütten – durch einen dummen Zufall leider zweimal in derselben, aber immerhin zu verschiedenen Jahreszeiten und jeweils mit anderen Leuten. Die Hütte, die wir gemietet hatten, liegt eine etwa dreistündige Busfahrt von Trondheim entfernt. Danach liegen noch ungefähr zwei Stunden Wanderung durch den Wald vor einem, aber die Strecke ist einfach und selbst bei Dunkelheit und Schnee problemlos zu bewältigen. Mit einer Gruppe von zwanzig Leuten wird es nie langweilig und es war spannend zu beobachten, wie sich so viele Klischees bestätigen: in der schlicht eingerichteten Hütte macht sich die Jäger und Sammler Kultur wieder bemerkbar und die Männer hacken Holz, machen Feuer und gehen Fischen während die Frauen Beeren pflücken und fürs Geschirrspülen zuständig sind. Und der Südeuropäische Teil der Gruppe tanzt singend auf dem Tisch, während die deutsche Delegation in der anderen Ecke sitzt und in ein gemütliches Kartenspiel vertieft ist. Aber unsere internationale Gruppe hat natürlich auch ihren Teil zur Integration beigetragen: die Deutschen bringen ihren Kommilitonen aus dem Mittelmeerraum bei, wie man Würstchen grillt, die Italiener lassen die Spaniern (wenn auch mit Skepsis) Spaghetti kochen und unsere einzige Asiatin bringt allen ein japanisches Kartenspiel bei. Der perfekte Abschluss ist dann „Happy Birthday“ in fünf verschiedenen Sprachen.
Es war schön, einmal im Herbst zu der Hütte zu fahren, als man noch mit nur einem dünnen Pulli rausgehen konnte (oder als Spanier nur eine Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe brauchte) und einmal als schon der erste Schnee lag. Während man beim ersten Ausflug , zumindest für ein paar Minuten, noch im See baden konnte, mussten wir beim zweiten Mal ein Loch in den gefrorenen Fluss schlagen, um Wasser zu haben. Und der Holzofen, der im Herbst noch gemütlich und unglaublich warm wirkt, wird im Winter doch manchmal lästig, wenn man nachts aufwacht, weil das Feuer mal wieder heruntergebrannt ist und es eiskalt wird. Aber dafür kann man im Winter Schneemänner bauen, Schnee-Boules spielen und wir haben sogar einige Rentiere gesehen. Zurück nach Trondheim gibt es Sonntags nur einen einzigen Bus. Das heißt wir standen schon einige Zeit früher an der Haltestelle, um nicht in dieser entlegenen Waldregion festzusitzen. Vor allem im Winter ist das Warten nicht besonders angenehm – ich glaube, Busfahrer werden nicht oft mit solchem Jubel empfangen.
Insgesamt ist es eine tolle Erfahrung ein paar Tage in einer solchen Hütte ohne Strom, fließend Wasser oder irgendwelche Nachbarn zu verbringen. Es ist eine gute Gelegenheit für Wanderungen und Lagerfeuer und ich habe noch nie so viele Sterne gesehen wie dort. Aber nach drei Tagen freut man sich dann auch auf eine warme Dusche.
Julebord und International Food Competion
Das Julebord (norwegische Weihnachtsfeier) und der Kochwettbewerb sind zwei Veranstaltungen, die wie der Ausflug zu den Lofoten von ESN organisiert werden.
Weihnachtsfeiern werden in Norwegen für gewöhnlich von jeder Firma und jedem Verein veranstaltet. Schon ab September werben Restaurants mit Julebord-Angeboten. Angeblich geht diese Tradition in die Vikingerzeit zurück. Damals wurde im Winter ein dreitägiges Fest veranstaltet, dessen einziges Ziel es laut ESN war, sich zu betrinken. Statistiken zeigen, dass diese Tradition sich bis heute hält: 78% der Mitarbeiter melden sich am Tag nach der Weihnachtsfeier krank und die Ereignisse auf und nach Weihnachtsfeiern rangieren in Norwegen sowohl bei Kündigungs- als auch bei Scheidungsgründen weit oben. Aber trotz der Versuche der Norweger mit Hilfe einer Reihe von Trinkliedern ein typisches Julebord aus der Veranstaltung zu machen, ging es doch sehr gesittet zu. Es gab ein großartiges Buffet, zu dem jeder etwas mitgebracht hatte, unterhaltsame Reden und sogar der Weihnachtsmann kam. Der war zwar mit seiner roten Skijacke und seinem Filz-Bart wenig überzeugend, aber er hatte schließlich mit seinen über 200 Geschenken genug zu tun. Insgesamt war es ein schöner Start in die Weihnachtszeit.
Kurz danach stand dann die International Food Competion an. Das Kochen hat wirklich Spaß gemacht, die Veranstaltung ans sich war dann etwas chaotisch: Etwa fünfzehn Gruppen hatten landestypische Gerichte zubereitet und jeweils auf einem Tisch angerichtet. Die Gerichte wurden dann erst von einer Jury begutachtet bevor alle probieren konnten. Das heißt etwa 80 hungrige Studenten durften nacheinander an je einem Tisch essen. Das ganze hatte erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Heuschreckenschwarm, der sich als riesige Masse auf die Nahrung stürzt und in unglaublicher Geschwindigkeit alles bis auf den letzten Krümel vernichtet. Aber trotz dieses Durcheinanders war es schön, Essen aus aller Welt probieren zu können. Dabei kann man zum Beispiel lernen, dass Asiaten anscheinend kein Salz benutzen, dass die französischen Desserts allein schon ein Grund wären, nach Frankreich auszuwandern und dass typisch tschechisches Essen erstaunlich deutsch schmeckt. Unser Beitrag (Himmel und Erde) hat zwar nicht gewonnen, aber das war auch nicht unser Ziel – die Gruppen, die sich die Mühe gemacht hatten, ein Fünf-Gänge-Menu zuzubereiten haben den Preis wirklich verdient. Alles war unglaublich gut und am Ende blieb wirklich nichts übrig. Ich war so vollgefuttert, dass mir die Jury, die ausnahmslos alles probieren musste, schon fast leid tat.
Mittlerweile hat hier die Klausurphase angefangen. Wenn man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eine Klausur schreibt (die Tage sind hier kürzer, die Klausuren länger) bleibt leider nicht mehr so viel Freizeit. Aber ich habe jetzt die Zusage für das nächste Semester bekommen. Also werde ich ab Januar noch viel Zeit haben, Norwegen besser kennenzulernen.
Am Wochenende hatte ich Besuch aus Deutschland. Mehr dazu gibt’s hier: alo-reisen
Norwegens Technisch-Naturwissenschaftliche Universität
Als ich nach drei Wochen Sprachkurs in Oslo nach Trondheim kam, hatte ich eigentlich nicht erwartet, eine Uni zu finden, die mit der in Oslo mithalten kann. Aber die NTNU hat meine Erwartungen übertroffen und die guten Studienbedingungen scheinen sich langsam auch rumzusprechen. Dieses Jahr hat die NTNU so viele ausländische Studenten wie noch nie und damit ihr 10-Prozent-Ziel erreicht. Dabei suchen die Vertreter des International Office schon seit Jahren nach der Antwort auf die Frage, warum all diese Studenten eigentlich hierher kommen. Wie man auf die Idee kommen kann, ein Auslandssemester in einer unbekannten Kleinstadt nur um die 500km südlich vom Polarkreis zu machen, weiß ich auch nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine gute Entscheidung.
 Das Hauptgebäude der NTNU
Für Trondheim und die NTNU spricht so einiges. Wenn man den richtigen Tag erwischt kann man auch hier bis Ende September bei 20°C und Sonnenschein durch die Stadt spazieren und dabei Kanäle wie in Venedig, die nördlichste Kathedrale der Welt und den ersten und einzigen Fahrradlift weltweit entdecken. Auch die NTNU ist eine Sehenswürdigkeit für sich. Das alte Hauptgebäude (unter Austauschstudenten auch als „Harry-Potter-Castle“ bekannt) ist von außen schon beeindruckend, von innen aber schlicht umwerfend. Den Trondheimern scheint schon zu dessen Bauzeiten viel an ihrer Uni gelegen zu haben – sie wollten ihre Universität so schnell wie möglich fertig stellen, und da konnte man selbst auf den Terminkalender des Königs nicht allzu viel Rücksicht nehmen. So wurde der Grundstein, als der König dann mal Zeit hatte, einfach auf halber Höhe in die Fassade eingefügt. Nach hundert Jahren steht das Hautgebäude immer noch, also scheint es nicht geschadet zu haben. Aber nicht nur das Hauptgebäude ist sehenswert. Die Uni scheint gar nicht zu wissen, wohin mit den ganzen Ausstellungen und Dekorationen. Ein schicken Brunnen hier, ein berühmter Physiker da, noch ein paar alte Kräuter in Gläsern, und wo stellen wir denn das Foucaultsche Pendel hin? Da ist es gut, dass die die Campus in Dragvoll und Gløshaugen wie kleine, überdachte Städte gebaut sind und über viele Atrien verfügen. Auch sonst ist die Uni ganz gut ausgestattet. In Dragvoll zum Beispiel findet sich in fast jedem Raum ein Klavier. Oder ein Klavier und ein Flügel. Oder zwei Klaviere und eine Orgel. Warum auch nicht. Die gepolsterten Stühle, elektrischen Türen, kostenlosen Drucker und anderen Luxus nehme ich schon kaum noch wahr. Dass die Uni eigene Kioske und Schreibwarenläden betreibt, möchte ich auch nicht mehr missen.
 Der Campus in Dragvoll
Aber viel wichtiger als dieser ganze Krimskrams ist das, was die NTNU hier schon zu Semesterstart auf die Beine stellt. Es gab nicht nur eine Einführungswoche, sondern gleich zwei: eine Orientation Week für alle Internationalen Studenten und eine Fadderuka („Patenwoche“) für alle Studenten in Dragvoll, wobei die Fadderuka eigentlich zwei Wochen dauerte. Die Orientation Week war super, um die Uni und die Umgebung Trondheims kennenzulernen. So stellten sich verschiedene Organisationen an der Uni vor, es gab Wanderungen, einen Museumsbesuch, Partys und so weiter. Auch die Fadderuka soll den Studenten helfen, sich schnell in Trondheim einzuleben. Das heißt: nach einer kurze 5-Minuten-Tour durch die Uni blieben noch fast zwei Wochen für Stadtrallys, Kneipentouren, Bowlingabende und, und, und. Die Einführungswoche war auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, um norwegische Kommilitonen kennenzulernen, auch wenn ich in dieser Zeit feststellen musste, dass mein Norwegisch längst noch nicht gut genug ist, um einem Gespräch zu folgen. Für Vorlesungen über politikwissenschaftliche Theorien reicht es aber allemal – aber wohl auch nur weil der Dozent keinen Trondheimer Dialekt spricht und viele Fachbegriffe dem Deutschen doch sehr ähnlich sind. Wer hätte gedacht, dass das internasjonale anarkiske systemet, hegemoni und atomvåpen zu den einfacheren Gesprächsthemen gehören würden?
Die (drei) Vorlesungen, die ich hier belege, sind alle sehr interessant und gut organisiert. Aber auch wenn die Ansprüche hier etwas höher als in Deutschland zu sein scheinen, achtet man hier doch darauf, die Studenten nicht zu sehr zu belasten. Das Bewertungsschema für Hausarbeiten beispielsweise geht nur von „sehr gut“ bis „weniger gut“. „Weniger gut“ bedeutet dann zwar, dass man durchgefallen ist, aber es klingt doch viel besser. Und die Abgabetermine sind für gewöhnlich an einem Freitagnachmittag, sodass sichergestellt ist, dass die Studenten sich nicht am Wochenende auch noch mit Hausarbeiten plagen. Was auch nicht so einfach ist, denn während die Gießener Bibliothek bis 23 Uhr geöffnet ist, macht sie in Trondheim samstags schon um 14 Uhr zu – und selbst dann hat man das Gefühl, dass nur Austauschstudenten da sind, die sich noch nicht so ganz an die norwegische Gelassenheit gewöhnt haben. Die Freizeit kann man dann aber auch gut gebrauchen, denn auch sonst gibt es hier einiges zu tun. Mehr dazu in Kürze.
Das Leben in Moholt
Nachdem ich zunächst eine Absage für ein Wohnheimzimmer bekommen habe, gehöre ich ja nun doch zu den glücklichen Austauschstudenten, die nicht im „Roof over your head“ unterkommen müssen. Stattdessen wohne ich jetzt in einer der Vierer-WGs im Studentendorf Moholt. Tatsächlich ist mein Zimmer in vielerlei Hinsicht das Zentrum von Moholt. Oder zumindest scheinen viele das zu denken, aber da muss ich ein paar Missverständnisse klarstellen:
- Vor meinem Fenster ist keine Toilette. Die paar Sträucher, die dort stehen, sind als Dekoration gedacht – nicht als Sichtschutz.
- Ich betreibe keine Leergutannahmestelle auf meiner Fensterbank. Es ist wirklich nur eine Fensterbank und ich freue mich nicht, wenn ich dort Bierflaschen finde – auch wenn sie noch fast voll sind.
- Nein, ich betreibe kein Reisebüro. Ich habe nur eine ähnliche Telefonnummer.
- Sollte ich meine Meinung zu einem dieser Punkte ändern und eine tolle neue Geschäftsidee umsetzen, werde ich das mit Leuchtreklame bekanntgeben. Bis auf weiteres bleibt dies jedoch ein gewöhnliches Wohnheimzimmer.
Tatsächlich sollte es aber auch kein Problem sein, dass ich hier keine öffentliche Einrichtung betreibe. Gut, es gibt hier wirklich kein Reisebüro, aber man findet hier alles was man braucht: Grillpätze, Volleyballfelder, Kindergärten, Bushaltestellen, einen Supermarkt und so weiter. In jedem der Gebäude in Moholt befindet sich außerdem ein Partykeller, der dafür sorgt, dass es den Studenten hier nie langweilig wird. In den Häusern, die keinen Partykeller haben, ist ein Waschkeller. Auch der tut sein bestes, um Langeweile zu verhindern:
Sonntags ist in Moholt großer Waschtag. Da wandern alle Studenten, beladen mit einer Ikea-Tasche voll mit schmutziger Wäsche und einer Packung Omo-Billigwaschmittel zur „Vaskeri“ im Herman Krags Vei 6. Nach einer anstrengenden Einführungswoche war es auch bei mir mal wieder Zeit für einen Waschtag und so schloss ich mich den anderen an. Apropos Waschtag: Vor längerer Zeit habe ich einen gelesen, dass die ersten Waschmaschinen den Waschtag auf „wenige Stunden“ verkürzten. Ich glaube, wir brauchen welche davon hier in Moholt. Denn die Maschinen hier sind zwar so modern, dass sie sich im Internet reservieren lassen und sms verschicken, wenn sie fertig sind, nur eines ist nicht so einfach: waschen.
Und so bleibt es beim altmodischen Waschtag, der in meinem Fall so aussah:
9:00 Uhr: Beschließen eine Waschmaschine zu reservieren
9:01-9:10 Uhr: Das Passwort zu meiner Waschkarte suchen
9:11 Uhr: Die Suche aufgeben und beschließen mein Glück auch ohne Reservierung zu versuchen
9:30 Uhr: Zur Vaskeri gehen.
9:32 Uhr: Meine Wäsche in die erste Maschine räumen.
9:33 Uhr: Feststellen, dass die Maschine ab 10:30 reserviert ist und vorher nichtmehr waschen will.
9:34 Uhr: Meine Wäsche wieder aus der Maschine räumen.
9:35 Uhr: Nächste Maschine probieren. Feststellen, dass der Kartenleser defekt ist.
9:36 Uhr: In einem Nebenraum die letzte freie Maschine finden. Sie steht in einer großen Wasserlache, scheint aber funktionstüchtig.
9:37 Uhr: Erfolgreich einen Waschgang starten. Mich wundern, dass die Maschine behauptet nur 23 Minuten zu dauern. Heimgehen.
10:15 Uhr: Zurück zur Vaskerie gehen. Feststellen, dass 23 Minuten eine Lüge waren. Wieder heimgehen.
11:00 Uhr: Zurück zur Vaskerie. Die Wäsche aus der Maschine holen. Dabei zwei Socken in die Wasserlache vor der Maschine werfen.
11:03-11.05 Uhr: Einen freien Trockner suchen. Glück haben, dass einer gerade fertig wird. Mich fragen, wie lange das Trocknen dauern wird.
11:10-11.25 Uhr: Wegen schlechtem Wetter eine Wäscheleine in meinem Zimmer spannen und alle nicht trocknergeeigneten T-Shirts dort aufhängen.
11:48 Uhr: Wieder zur Vaskerie gehen. Feststellen, dass das Trocknen mindestens zwei Stunden dauern wird. Außerdem feststellen, dass alle Handtücher grau statt weiß geworden sind.
13:00 Uhr: Nächster Besuch in der Vaskerie. Andere Studenten davon abhalten, meine nasse Wäsche aus dem Trockner zu räumen. „Oh, did you want to dry this? “. Was für eine Frage… Dann den Trockner für weitere zwei Stunden anstellen.
14:07 Uhr: Wieder zur Vaskerie, in der Hoffnung, dass die Wäsche trocken ist. Entdecken, dass nun doch jemand meine Wäsche ausgeräumt hat, um seine eigene zu trocknen. Nasse Wäsche wieder einpacken.
14:09 Uhr: Ausländischen Studenten einen Grundkurs in „Norwegisch zur Waschmaschinenbenutzung“ geben.
14:11 Uhr: Einem Norweger einen Grundkurs in „Was bedeuten die Waschsymbole“ geben. Ich sollte ein Info-Center in der Vaskeri aufmachen.
14:15 Uhr: Meine noch nasse Wäsche wieder nach Hause tragen und auf der Leine im Garten vor meinem Fenster aufhängen. Dabei den schwarzen Putzlappen finden, der für die verfärbten Handtücher verantwortlich ist.
14:42 Uhr: Zusehen, wie ein Regenschauer alle bisherigen Bemühungen zunichtemacht.
15.00-18.00 Uhr: Aus dem Fenster sehen und Ausschau halten nach verdächtigen Leuten, die meine grauen Handtücher stehlen wollen. Zwischendurch nach dem Wetterbericht schauen und hoffen, dass er nicht stimmt.
18.00 Uhr: Meine Wäsche vor einem weiteren Regenschauer retten. Einen neuen Versuch mit der Vaskeri starten – diesmal in Haus 48.
18:05-18.10 Uhr: Tatsächlich einen freien Trockner finden! Wäsche einräumen. Anstellen. Mich vor den komischen Geräuschen erschrecken und Angst bekommen, dass der Trockner explodieren könnte. Wieder ausstellen. Wäsche ausräumen. Noch einen freien Trockner finden und erfolgreich starten.
18:10 Uhr: Mal wieder heimgehen. Diesmal im Regen.
20:00 Uhr: Auf zur Vaskeri, um die trockenen Wäsche zu holen.
20:04 Uhr: Entdecken, dass die Wäsche nasser als vorher ist. Mich ärgern – auch weil meine Schuhe jetzt auch nass sind.
20:05 Uhr: Wäsche in den nächsten Trockner stecken. Mich fragen, ob es ein Problem sein könnte, dass er an derselben Abluft wie der kaputte Trockner hängt.
20:06 Uhr: Und wieder ab nach Hause.
20:10 Uhr: Versuchen herauszufinden, wo man Schadensmeldungen hinschicken kann. Feststellen, dass dies nur telefonisch von 8-15 Uhr möglich ist.
20:13 Uhr: Einen Zettel schreiben, um ihn an den defekten Trockner zu heften.
21:40 Uhr: Nach der Wäsche sehen. Dabei den Zettel zu Hause liegen lassen.
21:42 Uhr: Natürlich ist die Wäsche noch nass. Aber immerhin hat dieser Trockner es geschafft, sie etwas aufzuwärmen.
20:44 Uhr: Die nasse Wäsche (mal wieder) heimschleppen.
20:48 Uhr: Die fast trockene Wäsche abhängen und einen Teil der relativ nassen Wäsche aufhängen. Hoffen, dass die Leine nicht über Nacht abstürzt.
21:30 Uhr: Duschen und mich ärgern, dass ich kein sauberes Handtuch habe.
23:00 Uhr: Mich im Halbschlaf daran erinnern, dass im Schrank noch Handtücher lagen. Mich nochmal ärgern.
6:00 Uhr: Aufstehen. Mich freuen, dass die Wäsche tatsächlich trocken geworden ist.
6:12 Uhr: Ein neues Handtuch ins Bad hängen und mich etwas für die graue Farbe schämen.
7:30 Uhr: Mich daran erinnern, dass ich nicht die ganze Wäsche aufgehängt hatte. Feststellen, dass die Socken in der Ikea-Tasche keine Chance zum trocknen hatten.
7:32 Uhr: Wieder mal Wäsche abhängen und neue Wäsche aufhängen.
8:30 Uhr: Feststellen, dass meine Schuhe immer noch von den Vaskeri-Wanderungen nass sind. Andere Schuhe anziehen und zur Uni gehen.
13:53 Uhr: Vom ersten Uni-Tag heimkommen. Mich freuen dass alles trocken geworden ist und das Projekt Wäsche für abgeschlossen erklären. Bis zum nächsten mal.
Abenteuer
Norwegen ist ja das Land der großen Abenteurer. Fridtjof Nansen beispielsweise, der Grönland auf Skiern durchquerte. Oder Roald Amundsen, der als erster Mensch den Südpol erreichte. Nach drei Wochen in der Stadt war es nach Ende des Sprachkurses also höchste Zeit das Alltagsleben hinter sich zu lassen und diesen Abenteurern nachzueifern – wenn auch nicht mit ausgedehnten Polarexpeditionen, sondern nur mit einem kurzen Campingausflug. Aber das ist ja schon mal ein Anfang.
Abenteuerlich war aber nicht nur der Ausflug selbst – auch die Zeit davor und danach war alles andere als langweilig. Dazu hat nicht zuletzt die Autovermietung ihren Teil beigetragen. Im Zeitalter des Internets lässt sich ein Mietwagen ja schnell und einfach online buchen. Theoretisch. Praktisch jedoch brauchen die Daten wohl etwas länger, um von Oslo zu der deutschen Website und wieder zurück zu wandern. So stellt die Vermietung dann kurz vor Abholtermin fest, dass das Auto gar nicht verfügbar ist und schickt dann kurzfristig doch noch eine Absage. Nachdem dieser Versuch also wenig erfolgreich gewesen war, versuchten wir es auf die altmodischste Art und klapperten alle Autovermietungen zu Fuß ab. Dabei mussten wir feststellen, dass Autovermietungen in Norwegen wohl etwas anders ticken als im Rest der Welt. Zum Beispiel die Vermietung direkt am Hauptbahnhof der norwegischen Hauptstadt: Erstens haben sie am Wochenende geschlossen. Gut, etwas ungewöhnlich, aber damit kann man ja noch leben. Zweitens bekommt man auf Nachfrage die Auskunft, dass sie keine großen Autos haben, also keinen Van für neun Personen. Auch ok, wir könnten schließlich auch zwei kleine Autos nehmen, die gibt es doch bestimmt? Nein, kleine Autos haben sie auch nicht. Eigentlich haben sie gar keine Autos – so die Worte des dortigen Angestellten. Der hat scheinbar einen ganz guten Job. Wer kann schon von sich sagen, dass er Geld damit verdient, am Bahnhof zu stehen und keine Autos zu vermieten. Auf die Frage, was genau er denn hier tue, meinte er dann jedoch, dass sie grundsätzlich natürlich Fahrzeuge hätten, nur eben im Moment nicht. Bei den anderen Vermietungen sah es ähnlich aus und etwas zu buchen, mit dem neun Leute zufrieden sind, stellte sich auch als eher schwierig heraus.
Schließlich versuchten wir es – obwohl wir es eigentlich mittlerweile besser hätten wissen müssen – noch einmal mit der Buchung im Internet. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: Wir hatten unsere Reise schon um ein paar Tage verkürzt und die Abfahrt auf Montag statt Samstag gelegt. Sonntagabend kam dann die Absage. Somit wurde die Reise nicht nur immer kürzer, auch die Reisegruppe verkleinerte sich zusehends auf eine kleine, standhaltige Gruppe von letztendlich nur noch fünf Optimisten. Der harte Kern packte also seine Sachen und stand Montag früh morgens auf, um die Avis-Vermietung zu belagern und auf ein freies Auto zu hoffen. Wir müssen ausgesehen haben wie eine Gruppe Obdachloser, wie wir mit etlichen Taschen, Beuteln, Schlafsäcken und Isomatten vor der Tür standen, und halb zuversichtlich, halb verzweifelt dreinschauten. Tatsächlich war ich zu der Zeit auch Obdachlos. Denn aus meinem Wohnheimzimmer hatte ich bereits Freitag ausziehen müssen und hatte seither nur deswegen ein Dach über dem Kopf, weil die Handwerker ein leer stehendes Zimmer nach der Renovierung nicht abgeschlossen hatten. Aber binnen weniger Minuten entwickelten wir uns von Obdachlosen zu den Besitzern eines schicken, orangenen „Raumschiffs“. Ein nagelneuer Honda Civic stand für uns bereit. Modern, komfortabel und vor allem eins – auffällig. Aber manche Dinge sind zu schön um wahr zu sein. Ein Müllwagen blockierte die Parkhausausfahrt. Dann funktionierte die Schranke nicht. Und dann stellten wir fest, dass das Licht am Auto defekt war. So mussten wir das Raumschiff also gegen einen gewöhnlichen Toyota eintauschen. Eigentlich nicht viel schlechter, aber bei langen Fahrtzeiten machen sich ein paar Zentimeter weniger Beinfreiheit schon bemerkbar. Aber wer will sich schon beschweren, immerhin hatten wir ein Auto und das große Abenteuer konnte endlich anfangen.
Vor dem eigentlichen Abenteuer lagen aber noch viele Stunden auf Norwegens Straßen. Was aber auch nicht so schlimm ist, weil man so viel Zeit hat die norwegische Landschaft zu bewundern, die auch immer mal wieder für Überraschungen gut ist. Da guckt man mal kurz weg, und schon sind alle Bäume verschwunden und man ist in einer kahlen Mondlandschaft, obwohl man doch eben noch im Wald war. Seltsames Land.
Am späten Nachmittag des ersten Tages legten wir dann einen kurzen Zwischenstopp in Kristiansand ein. Ein bisschen am Wasser entlanggehen, die Sonne genießen, kurz auf der Festungsmauer sitzen und dann geht’s auch schon wieder weiter, denn bis zum eigentlichen Ziel ist es noch ein ganzes Stück. Diese kleinen Städtchen am Meer sind sich sowieso alle recht ähnlich.
Kurz vor Sonnenuntergang faden wir dann die perfekte Stelle zum Zelten: Einen von großen Felsen umgebenen See. Nachdem wir jetzt einen ganzen Tag durch die Norwegische Landschaft getourt waren, fing ich langsam auch an, eine Eigenheit der Norwegischen Sprache zu verstehen, die mir vorher recht seltsam vorgekommen war: Es gibt nur ein Wort für Berg und Fels – fjell. Für mich als Deutsche hatte das keinen Sinn ergeben, weil „Berg“ und „Fels“ für mich immer zwei verschiedene Dinge gewesen waren. Aber hier kann man wirklich nicht dazwischen trennen. Was ist noch ein großer Fels und was ist ein ganz kleiner Berg? Und überhaupt sind die Berge hier ja sowieso nichts anderes als Felsen. Zum Abendbrot haben wir es uns also auf dem höchsten Fjell am See gemütlich gemacht, den Sonnenuntergang angeschaut und gegrillt. Das ist noch so eine Norwegische Eigenart: Die Einmalgrills. Die bekommt man hier an jeder Ecke und sobald das Wetter gut ist, schnappen sich alle Norweger ihre Einmalgrills und ein paar Pølser und gehen zum nächstgelegenen See/Park/Fjell… Das Ganze hat solche Ausmaße, dass es an alle beliebten Ausflugszielen separate „Engangsgrill“-Abfalleimer gibt.
Der nächste Morgen bestätigte nochmal, dass wir uns den bestmöglichen Zeltplatz ausgesucht hatten. Denn was gibt es schöneres als früh morgens aus dem Zelt zu kriechen und in einem einsamen See schwimmen zu gehen? Kaum zu glauben, dass das eigentliche Highlight des Ausflugs noch vor uns lag.
Dieses Highlight war der Preikestolen, den wir am späten Vormittag erreichten. Beziehungsweise, wir erreichten nicht den Preikestolen, sondern den Anfang des Wanderweges dorthin. Bis nach oben dauerte es noch eine Weile. Kleiner Tipp an alle anderen Norwegen-Reisenden: Die horrenden Touri-Parkkosten kann man sich sparen, wenn man ein paar hundert Meter weiter unten an der Straße parkt. Wen es stört die paar extra Meter zu laufen, der sollte sowieso lieber zu Hause bleiben, denn ganz ohne ist die Wanderung nicht. Lauf Hinweisschild dauert die 3,8 km Wanderung „zwei Stunden jeden Weg“, wobei es 300 Höhenmeter zu überwinden gilt. Klingt erstmal nicht so schlimm, man muss aber auch bedenken, dass man die Hälfte der Zeit über Geröll klettert und dabei noch aufpassen muss, dass man den anderen Touristen nicht auf die Füße tritt. Davon gibt es nämlich eine ganze Menge – das ist eben der Nachteil wenn man gutes Wetter hat. Aber es lohnt sich wirklich. Man wird schon auf halber Strecke mit einem so tollen Ausblick belohnt, dass man sich fragt, warum die ganzen Leute eigentlich bis zum Preikestolen wollen. Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn man erstmal da ist. Einfach unglaublich. Von der Felsplattform hat man einen grandiosen Blick auf dem 604 Meter tiefer liegenden Fjord und die umliegenden Fjeller (ja, das ist kein deutsches Wort, aber sind es jetzt Berge oder Felsen?). Das Gefühl, dort oben zu stehen, ist einfach unbeschreiblich. Da ist es dann auch egal, wie viele andere Touristen noch da sind, oder ob es bewölkt und neblig ist. Was besonders schön ist: die Norweger sehen Wanderer noch als Menschen, die auf sich selbst aufpassen können. Während in den meisten Ländern an jedem kleineren Abhang ein Zaun und etliche Warnschilder aufgestellt werden, ist der Preikestolen vollkommen ungesichert – und wird es wohl auch bleiben, denn es hat hier noch keinen Unfall gegeben.
Der Rückweg verlief relativ ereignislos und war, obwohl es dieselbe Strecke war, wesentlich kürzer als der Hinweg. Vielleicht liegt es daran, dann man nichtmehr ganz so oft zum Gucken und Staunen anhalten muss. Wir hatten Glück, dass es unterwegs nur ein bisschen nieselte und wir dem wirklichen Regen noch entwischen konnten. Bei Regen würde die Wanderung über die rutschigen Felsen wahrscheinlich nicht besonders viel Spaß machen.
Auf der Fahrt nach Stavanger nahmen wir dann, wie schon auf der Hinfahrt, die Fähre. Hier noch ein Reisetipp: Wenn man in einem bis oben hin beladenen Auto fährt, lässt sich problemlos eine Person als Gepäck tarnen. Man könnte es Betrug nennen, aber für arme deutsche Studenten sind die norwegischen Fährpreise einfach nicht zu bezahlen. Auf der Fähre waren, wie überall, deutsche Urlauber, deren Gespräch ich interessiert mitverfolgte. So erfuhr ich, dass sie die Wanderung zum Preikestolen gemeistert hatten, sich eine Tour zum Kjeragbolten aber nicht zugetraut hatten. Die hatten wir für den nächsten Tag geplant. Dass sie noch anstrengender sein sollte machte mir ein bisschen Sorgen. Meine Füße taten trotz guter Wanderschuhe noch etwas weh.
In Stavanger verhielten wir uns dann wie wirkliche Touristen und machten eine Auto-Sightseeing-Tour. Ein paar Mal im Kreis fahren, hier und da anhalten, Fenster runter, Foto machen – und schon hatten wir noch eine von Norwegens schönsten Städten erkundet. Zu unsere Verteidigung: Der Grund hierfür war, dass man in Stavanger nicht parken darf. Nirgends. Nicht mal mit Parkticket. Vielleicht waren wir auch einfach zu dumm, einen Parkplatz zu entdecken, aber wie kann es denn sein, dass man zu fünft in einer Stunde nicht einen einzigen öffentlichen Parkplatz sieht? Letztendlich haben wir dann doch noch einen gefunden, was aber nur daran lag, dass die Parkschranke abmontiert worden war. So blieben uns noch zwanzig Minuten, um die Stadt zu Fuß zu erkunden. Oder eine Pizza zu essen – die Stadt hatten wir schließlich schon gesehen.
Abends hatten wir dann keine Ambitionen mehr, einen perfekten Zeltplatz zu finden. Vielmehr waren wir froh, überhaupt ein Fleckchen zu finden, an dem wir im Dunkeln bei Regen unsere Zelte aufschlagen konnten. Ich mag Zelten, aber an diesem Abend wäre mir ein Vier-Sterne-Hotel doch lieber gewesen. Aber ich will mich nicht beschweren. Wir hatten wieder einen tollen See direkt vor der Zelttür und hier gab es sogar stinkende Plumpsklos. Was für ein Luxus.
Am nächsten Morgen war das Wetter zum Glück wieder besser und so stand der Letzten Etappe unserer Reise nichts mehr im Wege. Auf zum Kjeragbolten. Beziehungsweise: Auf zu dem komischen Stein, dessen Namen niemand kennt. Denn obwohl er fest in unserer Reise eingeplant war, konnten wir uns den Namen dieses Felsblocks einfach nicht merken. Die Fahrt dorthin dauerte eine ganze Weile, denn die Straßen waren einspurig und wurden immer wieder von Schafen blockiert. Meist benahmen die sich jedoch recht vorbildlich und liefen in einer ordentlichen Reihe am Straßenrand entlang als hätten sie ein ganz bestimmtes Ziel im Kopf. Was immer das sein mag. Selbst wenn es nur der nächste Supermarkt ist, werden sie eine Weile unterwegs sein, denn in dieser Gegend gibt es absolut nichts. Man könnte sie für Menschenleer halten, wäre da nicht die Straße und würden nicht in der Felslandschaft rund um die Straße endlos viele Steintürmchen stehen. Die wurden wohl von etlichen Reisenden aufgeschichtet, die anderen ein Zeichen dafür hinterlassen wollten, dass es wirklich nicht menschenleer ist.
Wäre es rundherum nicht so leer, könnte man das kleine Tourismuszentrum am Anfang des Wanderweges glatt übersehen. Aber so mussten sie sich keine Mühe machen und Reklameschilder aufstellen, die den Kjeragbolten ankündigen. Man steht irgendwann einfach vor dem Parkplatz. Der ist deutlich kleiner als der am Preikestolen und längst nicht so voll. Außerdem gibt es ein Restaurant und Toiletten (die man unbedingt nutzen sollte, da die Wanderung durch eine sehr kahle Landschaft geht, in der man ganz sicher keine Bäume als Sichtschutz finden wird). Zum Preikestolen zieht es jährlich 100 000 Touristen, zum Kjerag nur etwa 30 000. Was verständlich wird, sobald man sich die Info-Tafel zur Wanderroute ansieht. Dort sind tatsächlich im 90° Winkel Steigungen eigezeichnet, die man eigentlich nur für einen Witz halten kann. Bis man dann losläuft. Dass entlang der Strecke Eisenketten befestigt sind, an denen man sich hochhangeln kann, sagt eigentlich schon alles. Man stelle sich das vor: Sogar die Norweger gehen davon aus, dass man sich bei dieser Strecke irgendwo festhalten muss. Wenn man einen dieser 90-Grad Steilhänge erklommen hat, kann man sich aber auch nicht wirklich freuen, weil es dann gleich wieder steil bergab und dann wieder bergauf geht. Nach etwa der Hälfte der Strecke ist dann aber das Schlimmste überstanden und es geht relativ eben weiter. Wie weit oben man ist, sieht man dann an den Wolken, die etwas weiter unten in der Luft hängen. Und an den letzten Schneeresten, die sich bis August beharrlich gehalten haben. Unterwegs begegnet man natürlich ein paar anderen Leuten, aber nicht besonders vielen. Wenn dann die Wanderer immer mehr werden, kann man sich sicher sein, dass man bald da ist. Abgesehen davon, steht man genauso plötzlich vor dem Kjeragbolten wie man vor dem Parkplatz stand. Es ist seltsam, aber mein erster Gedanke war „Hm, das ist alles?“. Aber je näher man dem Kjeragbolten kommt, desto beeindruckender wird er auch, bis man dann doch überzeugt ist, dass der lange Weg sich gelohnt hat. Das Schöne am Kjeragbolten ist, dass er nur von einer Seite ganz furchtbar dramatisch aussieht. Von der anderen Seite wirkt er gar nicht mehr so gefährlich. Und dann muss man auch nicht vollkommen verrückt sein, um auf den Stein zu klettern und dann 1000 Meter über dem Fjord zu schweben.
Der Rückweg war dann etwas leichter, weil man sich einfach an den Eisenketten abseilen konnte. Zurück am Auto mussten wir feststellen, dass die Schafe uns bis auf den Parkplatz verfolgt hatten und uns nichtmehr weglassen wollten. Gar nicht so einfach, alle Türen zu schließen und dabei sicher zu gehen, dass auch kein Schaf mit ins Auto gekommen ist. Unterwegs organisierten die Schafe noch einige Staßenblockaden, aber auf einer so langen Fahrt ist man froh über ein bisschen Abwechslung. Irgendwann gegen zwei Uhr nachts waren wir dann wieder in Oslo. Blieb noch Zeit für zwei Stunden Schlaf auf dem Küchenfußboden, bevor ich dann meine Sachen packen und mich auf den Weg zum Bahnhof machen musste, um den Acht-Uhr-Zug nach Oslo zu nehmen.
Die Fahrt war recht ereignislos, vor allem weil ich die meiste Zeit geschlafen habe. Die norwegischen Züge sind aber auch unheimlich bequem. Im Gegensatz zur Deutschen Bahn hat man hier immer einen Sitzplatz und man hat sogar Beinfreiheit. Manche Dinge sind dann aber doch wie zu Hause: an jedem zweiten Bahnhof wartet der Zug auf Anschlussreisende oder lässt andere Züge durch. So kamen wir dann mit fast einer Stunde Verspätung in Trondheim an. Die Busfahrt zum Studentenwohnheim war dann auch noch ein Abenteuer für sich. Denn die Haltestellen werden hier nicht angesagt und für nicht-Einheimische lassen sich auch an den einzelnen Stationen keine Schilder entdecken, die einem sagen wo man gerade ist. Zudem gibt es an einigen Ecken mehrere Stationen mit dem gleichen Namen, sodass man nicht wissen kann, zu welcher man eigentlich muss. Entweder die Trondheimer Busgesellschaft hat noch nicht entdeckt, wie man ein übersichtliches System umsetzen könnte, oder sie verlassen sich einfach auf den guten Orientierungssinn und die Hilfsbereitschaft der einheimischen Bevölkerung. Die sorgt nämlich dafür, dass man trotz aller Hindernisse doch noch gut ankommt. Ich hatte es irgendwie geschafft in den falschen Bus einzusteigen, war aber fest davon überzeugt in der Linie fünf zu sein (lag wohl am Schlafmangel). Ich wartete also bloß auf eine Station namens „Moholt“ – die kam aber nicht. Meine Mitreisenden scheinen meine Verwirrung bemerkt zu haben, jedenfalls redeten sie irgendwann alle auf mich ein und erklärten mir wo ich gerade war – was mir nicht weiterhalf. Bis mich schließlich die Busfahrerin nach vorne rief, mich fragte wo ich hinwollte und mir erklärte, dass ich im falschen Bus saß. Kurz darauf hielt sie den Bus mitten auf der Strecke an, stieg mit mir aus und zeigte mir die Haltestelle, zu der ich musste. Unglaublich. Und dann brauchte ich mich der Haltestelle nur mit meinen 55 kg Gepäck zu nähern, schon stand der Norweger, der dort saß auf, um mir die Bank anzubieten. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, die Norweger wären so kalt und unfreundlich?
Als ich dann abends wohlbehalten in meinem Wohnheimzimmer angekommen war, zeigten die Abenteuer der vergangenen Tage dann aber doch ihre Auswirkungen. Ich verputzte eine Familienpackung Lasagne, drehte die Heizung auf 25°C und ging um acht Uhr schlafen. Auch Abenteurer brauchen schließlich mal eine Pause.
So viel zu tun
Mein Reiseführer empfiehlt, für Oslo ein bis drei Tage einzuplanen. Ich bin jetzt schon fast zwei Wochen hier und habe das Gefühl, noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs gesehen zu haben. Oder – die vielleicht schon. Denn einen Eisberg stellt schließlich das Osloer Opernhaus dar. Auf den Fotos, die ich vor meiner Ankunft gesehen hatte, konnte ich zwar kaum eine Ähnlichkeit zu einem Eisberg erkennen, aber wenn man dann dort ist, ist das etwas ganz anderes. Bei einem Spaziergang auf der im Fjord gelegenen Oper bekommt man, gerade wenn einem bei Sonnenschein der weiße Stein entgegen strahlt, wirklich das Gefühl auf einem Eisberg zu sein – zumindest mich als Eisbergneuling hat es überzeugt.

Aber wie viel mehr als das kann man in ein bis drei Tagen sehen? Vielleicht ist es nur eine Sache der Planung und ich hätte mir ein Beispiel an den Japanischen Reisegruppen nehmen sollen. Mit der gleichen Zielsicherheit wie überall auf der Welt ziehen diese von der Oper, zum Rathaus, zum Vigelandpark und vielleicht noch zum Holmenkollen und schaffen es so sicher, Oslo in einem Tag abzuhaken. Ich gehe da nicht ganz so planvoll vor und werde deswegen wahrscheinlich auch noch nach drei Wochen das Gefühl haben, nicht alles gesehen zu haben. Aber dafür verpassen die Japaner ganz andere Dinge. Zum Beispiel, wie es ist, sich auf dem Rückweg vom Holmenkollen zu verlaufen und auf einmal in tiefster Wildnis zu stehen – obwohl man doch eigentlich mitten in der Stadt ist. Auch wenn so der Ausflug zum Holmenkollen einen halben Tag verschlingt, gelohnt hat es sich allemal. So sind wir nicht nur einen abenteuerlich steilen Abhang hinuntergeklettert und haben eine wenig vertrauenserweckende Baum-Brücke überquert, sondern haben auch nebenbei schon mal die neue Skilanglaufstrecke für die Weltmeisterschaften im Februar eingeweiht – wenn auch ohne Skier.
Auch sonst haben wir viel gesehen, was nicht Standardziel der meisten Reisegruppen ist. Zum Beispiel hat die International Summerschool als eines der Highlights unseres Aufenthalts eine Führung entlang des Akerselvas (elva=Fluss) organisiert. Teilweise war es ganz interessant und bei schönem Wetter lohnt es sich wirklich, an den Fluss zu gehen. Ob es Austauschstudenten, die kaum etwas über Oslo wissen, wirklich interessieren sollte, in welchem Haus im 19. Jahrhundert wie viele Leute gelebt haben und wo damals ein Lebensmittelgeschäft war, wage ich zu bezweifeln.
Ein wirkliches Highlight war hingegen der International Cultural Evening letzten Freitag. Dort haben Studenten aus aller Welt ihre Länder vorgestellt. Und zwar zunächst mit Infoständen, an denen man teilweise auch landestypische Speisen probieren konnte. Es gab so exotische Gerichte wie Reisblätter aus Aserbaidschan, weißes Zeug aus Indien (ich weiß leider nicht wie es heißt aber es war, natürlich, scharf und lecker), Teigtaschen aus Russland (die man entweder mit sauren Gurken oder mit Zucker ist – wahrscheinlich nicht mit beidem) und Kaiserschmarrn aus Uganda. Kaiserschmarrn aus Uganda? Der hat uns alle überrascht, und er war auch erstaunlich gut. Auf Nachfrage erklärten mir jedoch die Leute an dem Stand (die, soweit ich das einschätzen kann, auch nicht ugandisch aussahen), dass nur das Schild falsch aufgehängt war. Tatsächlich war es Kaiserschmarrn aus Österreich. Also nicht ganz so exotisch, aber auf jeden Fall lecker.
Nach der ganzen Esserei hätte man fast vergessen können, dass der eigentliche Höhepunkt des Abends noch bevorstand: musikalische und tänzerische Beiträge zu mehr als 20 Ländern. Das war ein riesiges Kontrastprogramm: Da gab es einen polnischen Volkstanz (der eher ein synchrones Abschreiten der Bühne war, einem so aber auch Zeit zum Bewundern der Trachten gab), äthiopische Tänzerinnen (die alles andere als synchron tanzten, dabei aber pure Lebensfreude ausstrahlten), eine Indische Tänzerin, die die Bühne ganz allein füllen konnte und eine Sängerin vom Broadway deren Stimme einem schon beim ersten Ton Gänsehaut gab. Und von einem pakistanischen Tanz hatte ich vorher auch keine Vorstellung. Den Abschluss bildete „Africa United“. Nachdem die Nationen einzeln eingezogen waren, tanzten sie gemeinsam und zogen dabei auch die Afrikaner aus dem Publikum auf die Bühne bis kein Platz mehr war. Fazit der Moderatoren: „This is what the International Summer School is all about“.
Einen Nachteil hatte der Abend jedoch: Er war so anstrengend, dass ich den nächsten Tag halb verschlafen habe. Der restliche Tag musste gut genutzt werden (das Wetter war nach längerer Zeit mal wieder gut) und so fuhr ich mit der T-Bane zum Vigelandparken. Oder zumindest so nah ran, dass man ihn nicht verfehlen konnte. Ich habe es aber doch geschafft und habe unfreiwillig noch etwa eine halbe Stunde lang einen weniger interessanten Teil Oslos erkundet. Schließlich kam ich aber doch noch an und wurde von Reisebussen (nein, keine Japaner – Deutsche) und Luftballonverkäufern empfangen. Sofort war mir klar, dass es nicht klug ist, an einem Samstagmittag zu einer von Oslos berühmtesten Sehenswürdigkeiten zu fahren. Nach kurzem Zögern ging ich doch in den Park – und es hat sich gelohnt. Wer hätte gedacht, dass ein Park mit ein paar Statuen aus Bronze und Granit (190 um genau zu sein) so beeindruckend sein kann.
Am Nachmittag besuchte ich noch den botanischen Garten. Der lag, wie der Vigelandpark, fast direkt neben der T-Bane Station. Hier konnte ich mich aber nochmal steigern und einen Umweg von sicher über einer Dreiviertelstunde laufen. Im botanischen Garten hatte sich gerade halb Oslo versammelt. Wer an diesem Tag nicht heiratete, war entweder als Hochzeitsgast oder Fotograf unterwegs. Ich hatte keine Hochzeit geplant und war auch nicht eingeladen worden, also schloss ich mich den Fotografen an. Kurz bevor es zu regnen anfing, verlor ich die Brautpaare allerdings aus den Augen.
Hätte ich mich an diesem Tag nicht so oft verlaufen, hätte ich wohl noch Zeit für einen Besuch im Naturhistorischen Museum gehabt. Ein bisschen was kann man von den so wohl organisierten japanischen Reisegruppen anscheinend doch lernen.
Norwegischkurs
Auch wenn es in meinen letzten Einträgen vielleicht so gewirkt hat: Ich bin nicht zum Urlaub machen hier. Vielmehr steht täglich harte Arbeit an, denn schließlich nehme ich hier an einem Sprachkurs mit sehr hohem Tempo und anspruchsvollem Niveau teil. Der wird übrigens aus europäischen Steuergeldern finanziert und kann allein schon deswegen nicht einfach als billiger Urlaub in Oslo verstanden werden.
Ein typischer Tag in diesem hoch anspruchsvollen Kurs sieht so aus:
Wir legen um 9:15 in vollem Tempo los und pauken Grammatik und Aussprache. Nach etwa einer Stunde sind wir dann so erschöpft, dass wir die erste Kaffeepause einlegen müssen. Mit neuer Energie bewältigen wir dann die nächste Stunde bis zur zweiten Kaffeepause, an die fast nahtlos die Mittagspause anschließt. Dann noch ein paar organisatorische Dinge, Hausaufgaben und so weiter, und der Kurs ist schon wieder rum.
So kommt es mir zumindest meistens vor. Aber vielleicht vergeht die Zeit auch einfach nur wie im Fluge weil wir eine tolle Norwegischlehrerin haben. Sie stellte sich uns in der ersten Stunde als eine „Grandmother“ „from the stoneage“ vor und meinte wir wären sicher enttäuscht, weil wir keinen jungen, attraktiven Norwegischlehrer bekommen haben. Aber besser als mit ihr hätten wir es wahrscheinlich nicht treffen können. Sie ist humorvoll, locker und freundlich, kann norwegische Grammatik gut erklären und hat einige Geschichten zu erzählen. Und es hat noch weitere Vorteile eine „Grandmother“ als Lehrerin zu haben: Meine Familie in Deutschland muss sich wirklich keine Sorgen machen – Ich werde hier gut versorgt. Von Waffeln über Elchfleisch und Lachs bis hin zu Sahnetorte mit selbst gepflückten Beeren wurde uns hier schon alles serviert. Natürlich aus biologischem Anbau. Aber, so meint sie, zu Sprache gehört auch immer die Kultur eines Landes und dazu gehört eben auch das Essen. Deswegen ist es nur legitim in einem Sprachkurs zu essen. Und als „Grandmother“ achtet sie natürlich auch sonst auf uns: empfiehlt uns Wanderrouten, warnt vor Geschmacksverstärkern im Brot, gibt uns Tipps zu guten Orten zum Beerenpflücken und so weiter. Und natürlich bringt sie jeden Tag Kaffee, Tee und Schokolade mit.
Trotz all der Pausen haben wir in der ersten Woche aber auch schon einiges gelernt. Ich denke wir sind, zumindest was die Grammatik betrifft, schon fast so weit, wie mein Norwegischkurs in Deutschland in drei Semestern gekommen ist. Bei vier Stunden am Tag kommt man eben doch recht schnell voran. Das heißt aber auch, dass langsam der Punkt gekommen ist, an dem ich anfangen muss zu lernen. Natürlich bin ich froh darüber, aber gleichzeitig ist es jetzt wohl wirklich vorbei mit Ferien (zumindest für ein paar Stunden am Tag) und ich werde mich jetzt erstmal an meine hjemmeoppgaver (Hausaufgaben) setzen müssen.
Das Foto zeigt übrigens eine Statue, die meiner Lehrerin zu Ehren im Zentrum von Oslo aufgestellt wurde. Naja, oder zumindest eine Frau, die ihr ähnlich sieht – nur die Brille fehlt.
„Freiluftleben“ und Kultur
Wer sich mit der norwegischen Sprache befasst, lernt auch schnell etwas über die Kultur dieses Landes. So ist es angeblich kaum möglich, das deutsche Wort „Leistung“ ins norwegische zu übersetzen, während es für „gemütlich“ eine Unmenge verschiedener Ausdrücke gibt. Typisch für Norwegen ist das „Friluftsliv“. So schwer dieser Ausdruck ins Deutsche zu übersetzen ist, so viel sagt er über die Norweger aus. Wörtlich bedeutet er soviel wie „Freiluftleben“, im Wörterbuch findet man hierfür den Ausdruck „Erholung im Freien“. Aber Friluftsliv ist mehr als das und ein ziemlich wichtiger Teil der norwegischen Lebensweise. Das kann man selbst hier in Oslo täglich beobachten: Man kann zu keiner Tageszeit und bei keinem Wetter an den See gehen ohne etlichen Joggern, Wanderern, Radfahrern und Schwimmern begegnen. Und man sieht es auch den Norwegern an: Es gibt keine dicken Norweger. Keinen einzigen. Bis ins hohe Alter sind alle fit und durchtrainiert. Wenn man also irgendwo auf der Welt einem weißhaarigen Rentner mit Waschbrettbauch begegnet, handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Norweger.
Es ist aber auch kein Wunder, dass friluftsliv hier so populär ist: Mit einer solchen Natur direkt vor der Haustür will man einfach nicht zu Hause vorm Fernseher sitzen. Wie von selbst zieht es einen nach draußen. Auch als Ausländer. So haben wir in den letzten Tagen einige Ausflüge und Wanderungen unternommen: Wir sind mit der Fähre durch den Oslofjord und auf eine der dort gelegenen Inseln, die Hovedøya, gefahren. Auf der Insel gibt es außer einem Badestrand und einer alten Klosterruine nicht viel. Sie ist, wie vieles in der Gegend um Oslo, einsam und Idyllisch. Außerdem waren wir schon zweimal in der Nordmarka wandern. Dieses riesige Waldgebiet beginnt quasi direkt hinter dem Wohnheim. Man kann dort stundenlang wandern ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Die Wege sind häufig nur steinige Trampelpfade oder über Moorgebiete gelegte Bohlen. Wenn man den Weg verlässt (was wir als vorbildliche, vorsichtige, kluge Studenten natürlich nie tun würden) kann es schon eine Weile dauern, bis man ihn wiederfindet (aber man wird eventuell mit einem tollen Ausblick belohnt). Wer sie mag, kann dort auch Blaubeeren in Massen sammeln. Außerdem gibt es in der Nordmarka viele Seen in denen man schwimmen kann – allerdings nur, wenn man keine Angst vor aufdringlichen Enten hat. Die haben hier nämlich gar keine Scheu und können manchmal wie aus dem Nichts auftauchen. Auch Elche soll es hier sehr viele geben. Elche sind eigentlich nicht aggressiv, aber ziemlich dumm und können außerdem schlecht hören und sehen. Man muss also ein bisschen aufpassen, dass man sie nicht erschreckt. Gesehen habe ich leider noch keinen; nur einen Haufen, der von einem Elch stammen könnte haben wir entdeckt. Immerhin.
Aber wir haben nicht nur die Natur erkundet, sondern auch schon die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Oslo abgeklappert. Oslo lässt sich nicht mit den meisten anderen europäischen Städten vergleichen. Es gibt hier kein Kolosseum, keine Westminster Abbey, keinen Louvre. Allein schon wegen seiner Größe und seiner Geschichte hat Oslo keine weltbekannten historischen Sehenswürdigkeiten. Aber es gibt hier trotzdem eine Menge zu entdecken. Wie zum Beispiel Aker Brygge am Oslofjord. Das ist wahrscheinlich eine der touristischsten Gegenden Oslos, ist aber nicht extrem überlaufen. Es gibt dort eine Menge schicker Wohnungen mit Blick auf den Fjord, die dazugehörigen Boote und natürlich Restaurants und die obligatorischen Souvenirstände. Auch das Rathaus, das von vorn nicht besonders schön ist, hat einen zweiten Blick verdient. Denn auf der Rückseite finden sich einige interessante Schnitzereien zu Geschichten aus der Edda und eine astronomische Uhr. Ein Land mit einem König benötigt natürlich auch ein Schloss, aber die Norweger bleiben bodenständig und beschränken sich auf ein (im Vergleich zu vielen anderen Schlössern) relativ kleines und schlichtes Gebäude am Ende der Karl Johans Gate. Von dort hat man einen recht guten, wenn auch nicht überwältigend schönen, Blick über die Stadt. Rund um die Karl Johans Gate finden sich viele weitere Sehenswürdigkeiten, wie das Stortinget – das norwegische Parlament, das Nationaltheater, der alte Teil der Universität (wie anscheinend überall auf der Welt studieren auch hier die Juristen in den alten Gebäuden), viele kleinere Parks und die Nationalgalerie. Dort hatten wir diese Woche eine Führung, die von er International Summer School organisiert wurde. Der Eintritt in das Gebäude ist – wie anscheinend bei vielen Museen – kostenlos, aber es ist sinnvoll an einer Führung teilzunehmen. Es gibt keine wirklich alte norwegische Kunst, die ältesten Kunstwerke, die man hier besichtigen kann sind Landschaftsgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Überhaupt schienen die Norweger hauptsächlich Landschaften zu malen, aber wen wundert das schon. Obwohl es in Oslo auch ein separates Munch-Museum gibt, ist auch in der Nationalgallerie ein ganzer Raum mit Bildern von Munch. Meine erste und bisher einzige Begegnung mit Munch war in einer Kunstklausur, weshalb er mir bisher nicht sonderlich sympathisch war. Aber die Gemälde hier sind wirklich beeindruckend, gerade wenn man die Hintergrundgeschichte dazu kennt. Im Munch-Museum war ich trotzdem nicht, aber das lag nicht an Munch, sondern am Wetter. Perfektes Wetter für friluftslivet eben.
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