Lisa in Trondheim?

So ist es. Es hat mich mal wieder ins Ausland verschlagen. Wer mich kennt, wird davon nicht überrascht sein, aber hier noch ein paar Infos für alle, die zufällig auf diese Seite gestoßen sind:
Ich heiße Lisa Krukewitt, habe die ersten 21 Jahre meines Lebens zum Großteil in Hessen (Kassel, Gelnhausen, Gießen) und Virginia verbracht und mache jetzt nach vier Semestern an der Justus Liebig Universität ein Auslandssemester in Norwegen. Hier studiere ich Soziologie und Politikwissenschaft an der NTNU.
Auf dieser Seite berichte ich über die Erfahrungen während meines Erasmusaufenthaltes.
Viel Spaß beim Lesen. Über Kommentare freue ich mich immer.

Orte:
23. Februar 2012, 00:02
Schneeschauer
Schneeschauer
1°C
Gefühlte Temperatur: -1°C
Luftfeuchtigkeit: 87%
Wind: 2 m/s S
Sonnenaufgang: 7:50
Sonnenuntergang: 17:15
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Fritid

Freizeit

Da ich jetzt schon eine ganze Weile hier bin und sich einiges an Erzählstoff angesammelt hat, werde ich versuchen mich kurz zu fassen. Daher hier nur ein kurzer Überblick über einige der spannendsten Freizeitmöglichkeiten, die Trondheim internationalen Studenten bietet: Eine Bootstour zur Insel Munkholmen, ein Ausflug zu den Lofoten im Norden Norwegens, Cabin Trips zu den Unieigenen Hütten, sowie die International Food Competition und eine der vielen Weihnachtsfeiern.

Fjordtour und Munkholmen (05.09.2010)

Die Bootsfahrt durch den Trondheimfjord und zur Insel Munkholmen wurde zu Beginn des Semesters vom International Club Trondheim angeboten. „International“ heißt in diesem Fall wohl eher Asiatisch-Afrikanisch – Europäer sind dort so gut wie gar nicht vertreten. Komisch, auf einmal eine Minderheit zu sein, aber auf jeden Fall gut, mal nicht nur von Deutschen umringt zu sein (Deutsche und Spanier stellen hier in Trondheim die größte Gruppe, was bei einem Besuch im International Office besonders deutlich wird: ein halbes Regal für Deutschland-Spanien und ein halbes Regal für den Rest der Welt). Die Tour war auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, mehr vom Trondheimfjord zu sehen und Leute aus aller Welt kennenzulernen – wie oft trifft man schon so viele Bhutaner und Nepalesen? Die Insel Munkholmen ist erstaunlich klein und besteht nur aus einer Anlage, die im Lauf der Geschichte Kloster, Festung und Gefängnis war. Von dort hat man einen tollen Blick auf Trondheim. Wenn man mehr Zeit hat, kann man dort auch baden gehen, aber wir hatten noch eine Reservierung für Pizza und haben uns deswegen auf Sightseeing beschränkt.

Lofoten (29.09.-04.10.2010)

Das Erasmus Student Network (ESN) organisiert jedes Jahr tolle Ausflüge für Austauschstudenten. Der Vorteil ist, dass man einen tollen Ausflug mit netten Leuten bekommt und nichts organisieren muss. Der Nachteil ist, dass es nur wenige Plätze gibt und man daher lange Schlange stehen muss. Nachdem ich beim Geiranger-Trip Pech hatte und nach drei Stunden Warten nur einen Platz auf der Warteliste bekommen habe (wenn auch den ersten), habe ich mich dieses Mal um einiges früher angestellt. So stand ich morgens um sieben mit meiner Isomatte und reichlich Lesestoff und Proviant an der Uni. Und das Warten hat sich gelohnt: fünfeinhalb Stunden später konnte ich mich über ein Ticket zu einem von Norwegens beeindruckendsten Plätzen freuen – den Lofoten.

Mein Reiseführer beschreibt die Lofoten als Märchenlandschaft von surrealer Schönheit. Da habe ich nicht viel hinzuzufügen. Nur so viel: Diese Inseln sind so schön, dass sich die zwanzig-stündige Busfahrt wirklich lohnt – selbst wenn man die Hälfte davon auf dem Fußboden vor der Toilette verbringt (von den Norwegischen Straßen kann man sich dann erst bei der Fahrt mit der Fähre erholen…).

Noch bevor wir an unseren Hütten angekommen sind stand schon das erste Highlight des Ausflugs auf dem Programm: ein Besuch im Wikingermuseum in Borg. Es hat etwas von einer Zeitreise, wenn man von einem „echten“ Wikinger in einem „echten“ Wikingerboot abgeholt wird und dann selbst zum anderen Ufer des Sees rudert, um das Haus des Wikingers zu besichtigen. Das Museum ist ein Nachbau eines dort gefundenen Langhauses. Mit einer Länge von 83 Metern ist es eines der längsten dieser Zeit. Die Ausstellung ist recht klein, gibt einem aber einen guten Eindruck vom Leben der Wikinger. In einer Führung erfährt man zum Beispiel, wie die Wikinger ihren getrockneten Fisch zubereiteten: Er musste erst eine Stunde lang mit einem Hammer weichgeklopft und dann noch mehrere Stunden eingeweicht werden. Ob er dann auch geschmeckt hat ist eine andere Frage – besonders lecker sah er jedenfalls nicht aus. Ganz anders das Essen, das uns serviert wurde. Wenn man in den großen Festsaal kommt und den Kessel mit Eintopf auf dem Feuer kochen sieht, fühlt man sich wirklich ein bisschen in die Wikingerzeit zurückversetzt.

Im Anschluss sind wir zu unseren Hütten in Reine gefahren. Sie liegen, wie eigentlich alles auf den Lofoten, idyllisch direkt am Wasser mit Blick auf die Berge. Einen besseren Platz zum Übernachten wird man wohl kaum finden.

Das Wetter war während unsers gesamten Aufenthalts unglaublich gut. Man konnte zum Wandern bloß ein T-Shirt tragen und selbst einige Spanier haben sich einen Sonnenbrand geholt. Sogar für ein kurzes Bad im Meer war es warm genug. Kaum zu glauben, wenn man bedenkt dass es im letzten Jahr zu dieser Zeit schon geschneit hat. Bei den Wanderungen hatte man einen unglaublichen Ausblick und bei einer Fahrradtour nach Å (einen kürzeren und norwegischeren Namen kann eine Stadt wohl kaum haben) haben wir etwas mehr von der Umgebung gesehen. Und die norwegische Kultur konnten wir näher kennenlernen, als wir alle Fischtran probieren durften/mussten. Der wird hier im Supermarkt sogar mit seinem schlechten Geschmack beworben und riecht so furchtbar, dass man sich nicht wundert, wenn sich ein Leidensgenosse vor dem Trinken bekreuzigt. Letztendlich war es aber nicht so schlimm – es schmeckt ölig und ein bisschen nach Fisch, aber längst nicht so schlecht, wie ich es mir vorgestellt hätte.

Alles in allem hatte die Reise nur einen Nachteil: sie war zu kurz. Aber die Lofoten haben mich sicher nicht zum letzten Mal gesehen.

Cabin Trips (10.-12.09. und 22.-24.10.2010)

Eine Untergruppe des Unieigenen Sportvereins NTNUI hat in Trondheims Umgebung mehrere Hütten, die Studenten sehr günstig mieten können. Bisher war ich zweimal auf einer dieser Hütten – durch einen dummen Zufall leider zweimal in derselben, aber immerhin zu verschiedenen Jahreszeiten und jeweils mit anderen Leuten. Die Hütte, die wir gemietet hatten, liegt eine etwa dreistündige Busfahrt von Trondheim entfernt. Danach liegen noch ungefähr zwei Stunden Wanderung durch den Wald vor einem, aber die Strecke ist einfach und selbst bei Dunkelheit und Schnee problemlos zu bewältigen. Mit einer Gruppe von zwanzig Leuten wird es nie langweilig und es war spannend zu beobachten, wie sich so viele Klischees bestätigen: in der schlicht eingerichteten Hütte macht sich die Jäger und Sammler Kultur wieder bemerkbar und die Männer hacken Holz, machen Feuer und gehen Fischen während die Frauen Beeren pflücken und fürs Geschirrspülen zuständig sind. Und der Südeuropäische Teil der Gruppe tanzt singend auf dem Tisch, während die deutsche Delegation in der anderen Ecke sitzt und in ein gemütliches Kartenspiel vertieft ist. Aber unsere internationale Gruppe hat natürlich auch ihren Teil zur Integration beigetragen: die Deutschen bringen ihren Kommilitonen aus dem Mittelmeerraum bei, wie man Würstchen grillt, die Italiener lassen die Spaniern (wenn auch mit Skepsis) Spaghetti kochen und unsere einzige Asiatin bringt allen ein japanisches Kartenspiel bei. Der perfekte Abschluss ist dann „Happy Birthday“ in fünf verschiedenen Sprachen.

Es war schön, einmal im Herbst zu der Hütte zu fahren, als man noch mit nur einem dünnen Pulli rausgehen konnte (oder als Spanier nur eine Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe brauchte) und einmal als schon der erste Schnee lag. Während man beim ersten Ausflug , zumindest für ein paar Minuten, noch im See baden konnte, mussten wir beim zweiten Mal ein Loch in den gefrorenen Fluss schlagen, um Wasser zu haben. Und der Holzofen, der im Herbst noch gemütlich und unglaublich warm wirkt, wird im Winter doch manchmal lästig, wenn man nachts aufwacht, weil das Feuer mal wieder heruntergebrannt ist und es eiskalt wird. Aber dafür kann man im Winter Schneemänner bauen, Schnee-Boules spielen und wir haben sogar einige Rentiere gesehen. Zurück nach Trondheim gibt es Sonntags nur einen einzigen Bus. Das heißt wir standen schon einige Zeit früher an der Haltestelle, um nicht in dieser entlegenen Waldregion festzusitzen. Vor allem im Winter ist das Warten nicht besonders angenehm – ich glaube, Busfahrer werden nicht oft mit solchem Jubel empfangen.

Insgesamt ist es eine tolle Erfahrung ein paar Tage in einer solchen Hütte ohne Strom, fließend Wasser oder irgendwelche Nachbarn zu verbringen. Es ist eine gute Gelegenheit für Wanderungen und Lagerfeuer und ich habe noch nie so viele Sterne gesehen wie dort. Aber nach drei Tagen freut man sich dann auch auf eine warme Dusche.

Julebord und International Food Competion

Das Julebord (norwegische Weihnachtsfeier) und der Kochwettbewerb sind zwei Veranstaltungen, die wie der Ausflug zu den Lofoten von ESN organisiert werden.

Weihnachtsfeiern werden in Norwegen für gewöhnlich von jeder Firma und jedem Verein veranstaltet. Schon ab September werben Restaurants mit Julebord-Angeboten. Angeblich geht diese Tradition in die Vikingerzeit zurück. Damals wurde im Winter ein dreitägiges Fest veranstaltet, dessen einziges Ziel es laut ESN war, sich zu betrinken. Statistiken zeigen, dass diese Tradition sich bis heute hält: 78% der Mitarbeiter melden sich am Tag nach der Weihnachtsfeier krank und die Ereignisse auf und nach Weihnachtsfeiern rangieren in Norwegen sowohl bei Kündigungs- als auch bei Scheidungsgründen weit oben. Aber trotz der Versuche der Norweger mit Hilfe einer Reihe von Trinkliedern ein typisches Julebord aus der Veranstaltung zu machen, ging es doch sehr gesittet zu. Es gab ein großartiges Buffet, zu dem jeder etwas mitgebracht hatte, unterhaltsame Reden und sogar der Weihnachtsmann kam. Der war zwar mit seiner roten Skijacke und seinem Filz-Bart wenig überzeugend, aber er hatte schließlich mit seinen über 200 Geschenken genug zu tun. Insgesamt war es ein schöner Start in die Weihnachtszeit.

Kurz danach stand dann die International Food Competion an. Das Kochen hat wirklich Spaß gemacht, die Veranstaltung ans sich war dann etwas chaotisch: Etwa fünfzehn Gruppen hatten landestypische Gerichte zubereitet und jeweils auf einem Tisch angerichtet. Die Gerichte wurden dann erst von einer Jury begutachtet bevor alle probieren konnten. Das heißt etwa 80 hungrige Studenten durften nacheinander an je einem Tisch essen. Das ganze hatte erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Heuschreckenschwarm, der sich als riesige Masse auf die Nahrung stürzt und in unglaublicher Geschwindigkeit alles bis auf den letzten Krümel vernichtet. Aber trotz dieses Durcheinanders war es schön, Essen aus aller Welt probieren zu können. Dabei kann man zum Beispiel lernen, dass Asiaten anscheinend kein Salz benutzen, dass die französischen Desserts allein schon ein Grund wären, nach Frankreich auszuwandern und dass typisch tschechisches Essen erstaunlich deutsch schmeckt. Unser Beitrag (Himmel und Erde) hat zwar nicht gewonnen, aber das war auch nicht unser Ziel – die Gruppen, die sich die Mühe gemacht hatten, ein Fünf-Gänge-Menu zuzubereiten haben den Preis wirklich verdient. Alles war unglaublich gut und am Ende blieb wirklich nichts übrig. Ich war so vollgefuttert, dass mir die Jury, die ausnahmslos alles probieren musste, schon fast leid tat.

Mittlerweile hat hier die Klausurphase angefangen. Wenn man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang eine Klausur schreibt (die Tage sind hier kürzer, die Klausuren länger) bleibt leider nicht mehr so viel Freizeit. Aber ich habe jetzt die Zusage für das nächste Semester bekommen. Also werde ich ab Januar noch viel Zeit haben, Norwegen besser kennenzulernen.

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