Lisa in Trondheim?

So ist es. Es hat mich mal wieder ins Ausland verschlagen. Wer mich kennt, wird davon nicht überrascht sein, aber hier noch ein paar Infos für alle, die zufällig auf diese Seite gestoßen sind:
Ich heiße Lisa Krukewitt, habe die ersten 21 Jahre meines Lebens zum Großteil in Hessen (Kassel, Gelnhausen, Gießen) und Virginia verbracht und mache jetzt nach vier Semestern an der Justus Liebig Universität ein Auslandssemester in Norwegen. Hier studiere ich Soziologie und Politikwissenschaft an der NTNU.
Auf dieser Seite berichte ich über die Erfahrungen während meines Erasmusaufenthaltes.
Viel Spaß beim Lesen. Über Kommentare freue ich mich immer.

Orte:
23. Februar 2012, 00:13
Schneeschauer
Schneeschauer
1°C
Gefühlte Temperatur: -1°C
Luftfeuchtigkeit: 87%
Wind: 2 m/s S
Sonnenaufgang: 7:50
Sonnenuntergang: 17:15
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Norges Teknisk-Naturvitenskapelige Universitetet

Norwegens Technisch-Naturwissenschaftliche Universität

Als ich nach drei Wochen Sprachkurs in Oslo nach Trondheim kam, hatte ich eigentlich nicht erwartet, eine Uni zu finden, die mit der in Oslo mithalten kann. Aber die NTNU hat meine Erwartungen übertroffen und die guten Studienbedingungen scheinen sich langsam auch rumzusprechen. Dieses Jahr hat die NTNU so viele ausländische Studenten wie noch nie und damit ihr 10-Prozent-Ziel erreicht. Dabei suchen die Vertreter des International Office schon seit Jahren nach der Antwort auf die Frage, warum all diese Studenten eigentlich hierher kommen. Wie man auf die Idee kommen kann, ein Auslandssemester in einer unbekannten Kleinstadt nur um die 500km südlich vom Polarkreis zu machen, weiß ich auch nicht. Aber es ist auf jeden Fall eine gute Entscheidung.

Das Hauptgebäude der NTNU

Das Hauptgebäude der NTNU

Für Trondheim und die NTNU spricht so einiges. Wenn man den richtigen Tag erwischt kann man auch hier bis Ende September bei 20°C und Sonnenschein durch die Stadt spazieren und dabei Kanäle wie in Venedig, die nördlichste Kathedrale der Welt und den ersten und einzigen Fahrradlift weltweit entdecken. Auch die NTNU ist eine Sehenswürdigkeit für sich. Das alte Hauptgebäude (unter Austauschstudenten auch als „Harry-Potter-Castle“ bekannt) ist von außen schon beeindruckend, von innen aber schlicht umwerfend. Den Trondheimern scheint schon zu dessen Bauzeiten viel an ihrer Uni gelegen zu haben – sie wollten ihre Universität so schnell wie möglich fertig stellen, und da konnte man selbst auf den Terminkalender des Königs nicht allzu viel Rücksicht nehmen. So wurde der Grundstein, als der König dann mal Zeit hatte, einfach auf halber Höhe in die Fassade eingefügt. Nach hundert Jahren steht das Hautgebäude immer noch, also scheint es nicht geschadet zu haben. Aber nicht nur das Hauptgebäude ist sehenswert. Die Uni scheint gar nicht zu wissen, wohin mit den ganzen Ausstellungen und Dekorationen. Ein schicken Brunnen hier, ein berühmter Physiker da, noch ein paar alte Kräuter in Gläsern, und wo stellen wir denn das Foucaultsche Pendel hin? Da ist es gut, dass die die Campus in Dragvoll und Gløshaugen wie kleine, überdachte Städte gebaut sind und über viele Atrien verfügen. Auch sonst ist die Uni ganz gut ausgestattet. In Dragvoll zum Beispiel findet sich in fast jedem Raum ein Klavier. Oder ein Klavier und ein Flügel. Oder zwei Klaviere und eine Orgel. Warum auch nicht. Die gepolsterten Stühle, elektrischen Türen, kostenlosen Drucker und anderen Luxus nehme ich schon kaum noch wahr. Dass die Uni eigene Kioske und Schreibwarenläden betreibt, möchte ich auch nicht mehr missen.

Der Campus in Dragvoll

Der Campus in Dragvoll

Aber viel wichtiger als dieser ganze Krimskrams ist das, was die NTNU hier schon zu Semesterstart auf die Beine stellt. Es gab nicht nur eine Einführungswoche, sondern gleich zwei: eine Orientation Week für alle Internationalen Studenten und eine Fadderuka („Patenwoche“) für alle Studenten in Dragvoll, wobei die Fadderuka eigentlich zwei Wochen dauerte. Die Orientation Week war super, um die Uni und die Umgebung Trondheims kennenzulernen. So stellten sich verschiedene Organisationen an der Uni vor, es gab Wanderungen, einen Museumsbesuch, Partys und so weiter. Auch die Fadderuka soll den Studenten helfen, sich schnell in Trondheim einzuleben. Das heißt: nach einer kurze 5-Minuten-Tour durch die Uni blieben noch fast zwei Wochen für Stadtrallys, Kneipentouren, Bowlingabende und, und, und. Die Einführungswoche war auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, um norwegische Kommilitonen kennenzulernen, auch wenn ich in dieser Zeit feststellen musste, dass mein Norwegisch längst noch nicht gut genug ist, um einem Gespräch zu folgen. Für Vorlesungen über politikwissenschaftliche Theorien reicht es aber allemal – aber wohl auch nur weil der Dozent keinen Trondheimer Dialekt spricht und viele Fachbegriffe dem Deutschen doch sehr ähnlich sind. Wer hätte gedacht, dass das internasjonale anarkiske systemet, hegemoni und atomvåpen zu den einfacheren Gesprächsthemen gehören würden?

Die (drei) Vorlesungen, die ich hier belege, sind alle sehr interessant und gut organisiert. Aber auch wenn die Ansprüche hier etwas höher als in Deutschland zu sein scheinen, achtet man hier doch darauf, die Studenten nicht zu sehr zu belasten. Das Bewertungsschema für Hausarbeiten beispielsweise geht nur von „sehr gut“ bis „weniger gut“. „Weniger gut“ bedeutet dann zwar, dass man durchgefallen ist, aber es klingt doch viel besser. Und die Abgabetermine sind für gewöhnlich an einem Freitagnachmittag, sodass sichergestellt ist, dass die Studenten sich nicht am Wochenende auch noch mit Hausarbeiten plagen. Was auch nicht so einfach ist, denn während die Gießener Bibliothek bis 23 Uhr geöffnet ist, macht sie in Trondheim samstags schon um 14 Uhr zu – und selbst dann hat man das Gefühl, dass nur Austauschstudenten da sind, die sich noch nicht so ganz an die norwegische Gelassenheit gewöhnt haben. Die Freizeit kann man dann aber auch gut gebrauchen, denn auch sonst gibt es hier einiges zu tun. Mehr dazu in Kürze.

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